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Klaus Herding in memoriam (1939–2018)

Am 26. August ist Klaus Herding bei einem Fahrradunfall tödlich verunglückt. Mit ihm verliert die Kunstwissenschaft einen ihrer profiliertesten Vertreter, der in den letzten 50 Jahren den kritischen Diskurs über die Kunst und ihre politisch-gesellschaftliche Funktion wesentlich bestimmt hatte. Die Mitglieder sowie die Absolventinnen und Absolventen des Frankfurter Kunstgeschichtlichen Instituts, an dem der Verstorbene von 1993 bis 2005 als Professor wirkte, trauern um einen Kollegen und Lehrer, der durch seine Persönlichkeit und sein Engagement die Kunstgeschichte in Frankfurt entscheidend prägte.

Nach einem Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Philosophie, das ihn nicht nur an mehrere deutsche Universitäten, sondern auch nach Lille, Aix-en-Provence und Paris führte, wurde Herding 1968 in Münster mit einer Dissertation über den Bildhauer Pierre Puget promoviert. Die Künste in Frankreich vom 17. bis in das 20. Jahrhundert sollten das Zentrum seiner wissenschaftlichen Leidenschaft bleiben, allerdings immer in einer weiteren Perspektive verstanden – Herding betonte gerne, dass er in Frankfurt eine Professur 'für europäische Kunstgeschichte' innehatte.

In den 1970er Jahren gehörte Herding zu den Wortführern jener politisch engagierten Kritiker der etablierten konservativen Kunstgeschichte, die sich im Ulmer Verein versammelten. Seine damals einsetzende intensive Beschäftigung mit Gustave Courbet, der zu einem seiner Lebensthemen werden sollte, ist vor dem Hintergrund der aktuellen Frage nach Möglichkeiten und Grenzen einer realistischen und sozialkritischen Kunst zu sehen. Herding übersetzte und kommentierte die Schrift von Courbets Freund Pierre-Joseph Proudhon 'Von den Grundlagen der Kunst und ihrer sozialen Bestimmung', deren Titel man auch als das Programm seiner eigenen kunsthistorischen Arbeit lesen könnte. Noch 2010/11 kuratierte er an der Frankfurter Schirn die Ausstellung 'Courbet. Ein Traum von der Moderne'. Ein weiteres großes Thema wurde für ihn die Rolle der Künste in der Aufklärung und der Französischen Revolution. Der subversive Kyniker Diogenes, der eine Autorität wie Alexander missachtete – Puget stellt die bekannte Anekdote in einem Relief dar –,  wird als 'Symbolfigur der Aufklärung' analysiert, umfassende Studien gelten der Bildpublizistik und Karikatur nach 1789.

Nach Stationen als Wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Universität Berlin und als Assistenz-Professor an der Freien Universität war Herding von 1975 bis 1993 Professor an der Universität Hamburg. 1993 wurde er als Professor nach Frankfurt berufen. In diesen Jahren rückte zunehmend die Frage nach den psychischen und psychosozialen Bedingungen künstlerischer Prozesse in den Mittelpunkt seines Denkens, auch in Auseinandersetzung mit aktuellen psychoanalytischen Theorien sowie der historischen Emotionsforschung. Dies führte zu dem von Herding initiierten und lange als Sprecher geleiteten erfolgreichen Graduiertenkolleg 'Psychische Energien bildender Kunst' (1996-2004), dessen hohe intellektuelle Produktivität drei Sammelbände sowie die in diesem Kontext entstandenen Dissertationen dokumentieren. Herdings vielfältige Initiativen am Frankfurter Institut zielten auf eine stärkere Internationalisierung und gleichzeitig bessere Vernetzung in der Frankfurter städtischen Kultur, sie galten der Stärkung der Kunstbibliothek als eines für alle offenen Studienzentrums und sie nahmen die klassische Verbindung von Forschung und Lehre sehr ernst, wie die große Zahl von ihm betreuter Promotionen beweist. Dabei war Herding sicher ein fordernder Lehrer, weil er auch von anderen das hohe Arbeitsethos erwartete, das für ihn selbstverständlich war. Herdings hartnäckiges Festhalten an Visionen, die er für richtig hielt, seine Weigerung, dem Zwang der Verhältnisse vorschnell nachzugeben, bestimmten seine Tätigkeit für das Institut und die Goethe-Universität. Sie wurde 2007 mit dem Hessischen Kulturpreis gewürdigt.

Seine akademischen Funktionen verstand Herding als eine 'öffentliche' Aufgabe. Davon zeugen nicht nur seine zahlreichen Mitgliedschaften in renommierten wissenschaftlichen Institutionen, sondern auch die Verve, mit der er sich, durchaus auch unbequem, bis zuletzt in aktuelle Diskussionen einbrachte. Eine größere Öffentlichkeit sollte auch die von ihm 1984 begründete werkmonographische Reihe 'kunststück' erreichen, deren Rolle für die Popularisierung jener 'neuen' Kunstwissenschaft in Deutschland, für die Herding sich nach 1968 eingesetzt hatte, nicht zu unterschätzen ist.

Die Emeritierung 2005 bedeutete keine Unterbrechung von Herdings unermüdlicher wissenschaftlicher Tätigkeit und aufmerksam-kritischer Zeitgenossenschaft, im Gegenteil. Die ihm von der Fachschaft des Instituts geschenkte persönliche Homepage dokumentiert die beeindruckende, bis in die letzten Monate intensive Publikations- und Vortragstätigkeit. Diese galt vielen Gegenständen, im Zentrum stand aber die Arbeit über Pierre Puget, mit dem er sich schon in der Dissertation beschäftigt hatte und zu dem er nun eine monumentale, dreibändige Monographie vorbereitete und im Wesentlichen zum Abschluss brachte. Das Erscheinen dieses 'opus magnum', das Klaus Herding so sehr erwartet hatte, durfte er leider nicht mehr erleben.

Für das Kunstgeschichtliche Institut

Hans Aurenhammer (Geschäftsführender Direktor)


Nachruf

Prof. Dr. Dr. Gerhard Eimer

Am 27. März 2014, kurz vor Vollendung seines 86. Lebensjahres, ist unser emeritierter Kollege, Prof. Dr. Dr. Gerhard Eimer, nach langer Krankheit auf Rügen verstorben. Wer ihn kannte, hat ihn als liebenswürdigen, manchmal sehr traditionsbewussten, dann wieder überraschend unkonventionellen Zeitgenossen erlebt, als einen Gelehrten mit erstaunlich breit gelagerten Forschungsinteressen.
Früh hat der gebürtige Marburger, der 1952 in Kiel promoviert wurde, die für den Kunsthistoriker unabdingbaren Auslandserfahrungen gesammelt. So war er am Stockholmer Nationalmuseum und am dortigen Stadtmuseum tätig und begann an der Universität der schwedischen Hauptstadt ein Zweitstudium. 1961 wurde er hier über die Stadtplanung im schwedischen Ostseereich promoviert. Von dort führte ihn sein Weg zunächst an das Kunsthistorische Institut in Florenz, doch kehrte er schon 1962 an die Stockholmer Universität zurück, um hier nach der Habilitation eine Dozentur anzunehmen. Die Nord-Süd-Achse sollte auch seinen weiteren Lebensweg prägen: Von Stockholm zog Eimer nach Rom, um Quellen zur Barockarchitektur herauszugeben. Sein opus magnum galt der großen Kirche Sant'Agnese an der Piazza Navona; weitere Arbeiten über den römischen Kuppelbau des 17. Jahrhunderts und über die frühesten Modellsammlungen barocken Städtebaus folgten. Immer wieder kehrte er aber auch in frühere Epochen zurück, etwa zur Idealstadt der Renaissance. Schließlich gesellte sich zu Skandinavien und Italien der Ostseeraum, dem er auch nach der Emeritierung noch ein Dutzend Aufsätze widmete. In diesem Bereich ragen vor allem Eimers Arbeiten über den Bildhauer und Maler Bernt Notke hervor. Burgen und Schlösser im Ostseeraum hat er ebenso erforscht wie die klassizistischen Skulpturen Thorwaldsens, C. D. Friedrichs Rückgriff auf die Gotik ebenso wie die Gemälde van Goghs – in allen Gattungen und vom 15. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war er als Forscher zu Hause. Weiterhin in Stockholm lehrend, wurde Gerhard Eimer 1973 als Nachfolger Harald Kellers nach Frankfurt berufen.
Neben der italienischen und schwedischen Architektur von der Romanik bis zum Barock, neben der spätgotischen Altarkunst und der deutschen Romantik galt sein Interesse immer auch der Gegenwartskunst und (bereits seit den 70er Jahren) neuen Forschungsmethoden wie der elektronischen Datenverarbeitung. Kunstmarkt und Denkmalpflege hat er den Studierenden als Berufsfelder erschlossen, indem er für diese Gebiete mit Gottfried Kiesow und Graf Douglas prominente Kollegen an das Institut zog. Am Ende seiner aktiven Laufbahn hat er es vermocht, fast das ganze Institut und nahezu alle Dozenten zu einer Exkursion nach Schweden zu bewegen, die durch sein persönliches Engagement zu einem großen Erlebnis wurde. Dennoch, wie er selbst einmal mit einem Anflug des Bedauerns andeutete: Er war im Ausland bekannter als im eigenen Land.
Indes, wer Eimer je in einem Vortrag erlebt hat, weiß die Kennerschaft, die rhetorische Brillanz, den überraschenden Ideenreichtum des Gelehrten zu schätzen, der über 20 Jahren lang an dieser Universität gelehrt hat. Stets hat Gerhard Eimer Studierende zur Mitarbeit motiviert; erinnert sei nur an die Leitung der Arbeitsgruppen zur Erforschung der Frankfurter Malerei der Moderne oder der van Gogh Indices, die, 1992 erschienen, des Malers Briefe erschließen; sodann leitete er eine Gruppe, welche sich das hohe Ziel gesetzt hatte, mit Unterstützung der Volkswagen-Stiftung die Schriften und Briefe Caspar David Friedrichs zu edieren, ein Werk, das er freilich nicht mehr vollenden konnte. Über ein Jahrzehnt lang gab er die „Frankfurter Fundamente der Kunstgeschichte“ heraus, die in den „Neuen Frankfurter Forschungen zur Kunst“ einen würdigen Nachfolger gefunden haben. Wir werden sein Andenken in Ehren halten. (Klaus Herding)


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