Die Porträtsammlungen der Dr. Senckenbergischen Stiftung

bearbeitet von Corinna Gannon M.A., Städel-Kooperationsprofessur Prof. Dr. Jochen Sander, im Auftrag der  Dr. Senckenbergischen Stiftung und gefördert von der Art Mentor Foundation Lucerne.


Mit der im Jahr 1763 gegründeten Dr. Senckenbergische Stiftung strebte der Frankfurter Arzt und Naturforscher Johann Christian Senckenberg (1707-1772) an, die medizinische Versorgung der Bürger seiner Heimatstadt dauerhaft zu gewährleisten und zugleich einen Ort für Forschung und Lehre zu schaffen. Bis heute lebt die Gründungsidee des Stifters im Bürgerhospital und in den zahlreichen nach ihm benannten Forschungseinrichtungen weiter (http://www.senckenbergische-stiftung.de/die-institute.html). Doch Senckenberg war nicht nur passionierter Wissenschaftler, sondern auch ein großer Sammler von naturalia, scientifica und artificialia. Bereits vor der Gründung seiner Stiftung legte er eine umfangreiche Porträtsammlung an, die neben Bildnissen seiner nächsten Familienangehörigen auch Porträts von bedeutenden Vertretern seines Berufstandes und anderen Gelehrten umfasste, und die über die Jahrzehnte hinweg durch Schenkungen und Ankäufe stetig anwuchs. Die Bildnisse der medizinischen Vorgänger und Vorbilder hatten von Beginn an eine identitätsstiftende Funktion und sollten den Versammlungsraum des Collegium medicum schmücken, den Mitgliedern die Genealogie ihres Berufsstandes vor Augen führen und sie ihrer Tradition gewahr werden lassen. Bis heute ist diese einzigartige Sammlung als Dokumentation der Frankfurter Medizingeschichte seit dem 18. Jahrhundert erhalten geblieben und umfasst knapp 170 Werke (http://www.senckenbergische-portraitsammlung.de/intro.html)
Neben den aufwendigen und teuren gemalten Bildnissen war bei Porträtsammlern des 18. Jahrhunderts vor allem das deutlich preiswertere Medium der Druckgrafik beliebt. Das Anlegen einer umfangreichen Bildnissammlung war dabei nicht nur ein intellektueller Zeitvertreib, sondern zugleich Teil eines Erkenntnisprozesses, standen die Dargestellten doch immer auch stellvertretend für ihre jeweiligen Errungenschaften in Gesellschaft, Politik, Kultur oder eben in der Wissenschaft. So muss auch Senckenberg eine Porträtgrafiksammlung mit Bildnissen von Medizinern und Gelehrten als Pendant zu seiner Gemäldesammlung angelegt haben, die heute jedoch als verloren gilt. Allerdings hat sich eine weitere Porträtgrafiksammlung erhalten, die auf den zweiten Stiftsarzt und  Senckenbergs  Nachfolger, Georg Philipp Lehr (1756-1807), zurückgeht. Diese heute noch knapp 1500 Druckgrafiken umfassende Sammlung hat sich in der Universitätsbibliothek (https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/drucke/nav/classification/10253023) ebenso erhalten wie der dazugehörige dreibändige, von Lehr handschriftliche verfasste Katalog (https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kataloge/content/titleinfo/10812721). Lehrs bisher inhaltlich nicht erforschte Sammlung von Porträts berühmter Mediziner und Naturforscher ist unter den vergleichbaren erhaltenen Kollektionen nicht nur in ihrer Quantität, sondern auch in der druckgrafischen Qualität der Drucke einzigartig und stellt zusammen mit dem gleichfalls erhaltenen Katalog einen Glücksfall für die Wissenschaft dar.
Ziel des auf zwei Jahre angelegten Forschungsprojektes (2020-2022) ist es, diese beiden Porträtsammlungen der Dr. Senckenbergischen Stiftung zu erforschen und die erarbeiteten Inhalte nicht nur in einer Bilddatenbank zugänglich zu machen, sondern in Auswahl auch in einer umfangreichen Buchpublikation einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. So wird das Buch in thematisch unterschiedlich ausgerichteten Kapiteln die Genese der Sammlungsbestände nachzeichnen und Schlaglichter auf inhaltlich besonders reizvolle Werkgruppen werfen. Neben den privaten Porträts des Stifters, die zugleich das Herzstücks des Bestands bilden, sollen erstmals die Bildnisse der Frankfurter Ärzte jüdischen Glaubens angemessen gewürdigt werden, die eine besonders bewegte Geschichte zu verzeichnen haben. Darüber hinaus wird die Gruppe die Ärzteporträts der Frankfurter Malerin Ottilie Roederstein (1859-1937) näher in den Blick genommen und nach der Rolle der Frau in der Medizingeschichte gefragt. Wo möglich wird nach inhaltlichen Schnittstellen zwischen Gemälden und Grafiken gesucht und somit werden erstmals zwei bedeutende Sammlungskonvolute der Dr. Senckenbergischen Stiftung zusammengeführt, die sich gegenseitig vielfältig bereichern.
Die Bearbeitung der Porträtgrafiksammlung erfolgt in Zusammenarbeit mit der Bildstelle des Kunstgeschichtlichen Instituts. Die dort beschäftigten studentischen Hilfskräfte erfassen die Grafiken systematisch in einer ConedaKOR basierten Bilddatenbank (https://senckenberg.kunst.uni-frankfurt.de/) und schaffen so eine essentielle Grundlage zur gezielten Erforschung des Bestands. Ziel ist es, diese Daten mittelfristig mit der im Rahmen des gleichfalls von der Städel-Kooperationsprofessur am Kunstgeschichtlichen Institut betriebenen Forschungs- und Ausstellungsprojekts „Die Welt im BILDnis. Porträt, Sammler und Sammlungen von der Frühen Neuzeit bis zur Aufklärung“ errichteten Datenbank zusammenzuführen (https://holzhausen.kunst.uni-frankfurt.de/) und dadurch die wissenschaftliche Bearbeitung der Frankfurter Sammelkultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert mit der Bereitstellung eines entsprechenden Forschungstools voranzutreiben.

Design und Programmierung der Datenbanken erfolgt durch Wendig OÜ (https://wendig.io)


Suche