Quasi-Realismus als Rhetorik der Affektdarstellung. Studien zum bildhauerischen Werk des Niclaus Hagenower

Niclaus Hagenower (nachweisbar bis 1526, † vor 1538) war ein oberrheinischer Bildhauer, dem unter anderem die Skulpturen des bedeutenden Isenheimer Altars in Colmar zugeschrieben werden. Eine Werkmonographie über das bildhauerische Œuvre des Niclaus Hagenower ist dennoch seit der Arbeit Wilhelm Vöges (1931) nicht geleistet worden. Hagenower repräsentiert exemplarisch den Quasi-Realismus der oberrheinischen Skulptur des Spätmittelalters. Die Nachahmung der Natur reicht bei Hagenower von der mimetischen Auseinandersetzung bis zur Störung der Illusion: Seine Bildwerke vermitteln auf den ersten Blick einen scheinbar realistischen Eindruck, bestehen jedoch wesentlich in Übertreibungsformen, Irregularitäten und Asymmetrien. Dieser Quasi-Realismus ist nur zu entziffern, wenn die Rhetorik der Emotionsdarstellung geklärt wird. Denn maßgebliches Ziel Hagenowers ist es, zu den Heiligenfiguren einen emotionalen Zugang des Betrachters herzustellen und deren Status durch die Festlegung von Vorbildemotionen zu definieren. Wie in der Liebieghaus-Monographie dargelegt (Berentzen 2006), wirken in der hier erstmals Niclaus Hagenower zugeschriebenen Apostelgruppe Seherfahrung und affektives Nacherleben zusammen. Hagenowers Bildwerke führen damit Visualisierungen eines modifizierten mittelalterlichen Bildbegriffs vor Augen. Ziel der Studie ist es, mit dem Abfassen eines Werkkatalogs über Niclaus Hagenower auch einen Beitrag zur historischen Emotionsforschung zu leisten.

Bearbeiterin des Projektes ist:
Berenike Berentzen


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