PD Dr. Rebecca Müller

Forschungsprojekte



  • Automaten. Von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit (Überlieferung und Transformation von Wissen und ästhetischer Erfahrung;  die Medien dieses Transfers)

  • Schriftbild. Schrift und Schriftform in frühmittelalterlichen Handschriften und ihr Verhältnis zu Zeugnissen der Epigraphik. 

  • Fragments of history. Die Spolien des Chicago Tribune Tower (Denkmalpolitik und visuelle Konstruktion von Geschichte und Erinnerung in den USA)

  • Forschungsprojekt der Fritz Thyssen Stiftung: Werkgenese im venezianischen Quattrocento. Die Malerwerkstätten der Vivarini (April 2014- März 2015). Das Projekt verbindet die naturwissenschaftliche Untersuchung von Gemälden mit einer Auswertung unter genuin kunsthistorischen Fragestellungen. Die Grundlage ist mit einer monographischen Studie zu Giovanni d’Alemagna und den Vivarini – Antonio, Bartolomeo, Alvise – gelegt, die die gemessen am Umfang der Produktion wichtigsten Werkstätten für Altarwerke im venezianischen Quattrocento führten. Dabei wurden zwei Desiderate deutlich, die das Projekt mit einer nicht nur quantitativ, sondern gerade qualitativ erweiterten Materialgrundlage und einem neuen Ansatz aufgreift. Nur für vergleichsweise wenige Werke der Vivarini liegen technische Untersuchungen vor, die es erlauben, Aussagen über den Werkprozeß, die Genese des Bildes auf der Tafel zu treffen. Zentrale Bedeutung kommt hierbei dem Verfahren der Infrarotreflektographie (IRR) zu, das - abhängig vom Zeichenmaterial und der Durchlässigkeit der Malschicht – Unterzeichnungen sichtbar machen kann. Diese gewähren einen Einblick in den Entstehungsprozeß des Gemäldes, da sie Veränderungen motivischer Art ebenso wie Überarbeitungen in der Linienführung bis in die Pinselstriche hinein nachvollziehbar werden lassen. Aus ihrer Analyse erhellt der Prozeß der Bildfindung: die Wege des Sehens und Suchens, Probleme der Formgebung und die gewählten Bildlösungen. Auch zum Verhältnis mehrerer Gemälde zueinander werden Unterzeichnungen befragt, wenn sie etwa auf die Verwendung eines gemeinsamen Kartons hinweisen.

    Die Zusammenschau mehrerer Werke eines Malers und ihrer Unterzeichnungen sowie ihr Vergleich zu den Zeitgenossen kann für weiterführende Fragestellungen fruchtbar gemacht werden: Ist ein standardisiertes Vorgehen in der Werkgenese nachvollziehbar? Dies würde der zeitweise serielle Züge annehmenden Produktion der Vivarini entsprechen. Greift für die Unterzeichnungen dieser Maler, zumal für Alvise, ein Entwicklungsmodell, wie es für Giovanni Bellini und Lucas Cranach postuliert wurde? Oder lassen sich in der zeichnerischen Vorbereitung Unterschiede ausmachen, die weniger einem chronologischen Schema entsprechen als vielmehr von anderen Kriterien abhängig sind, etwa vom Prestige eines Auftrags, von der Ikonographie, von der Bildhierarchie innerhalb eines Altarwerks oder von der arbeitsteiligen Entstehung?

    Die vergleichsweise wenigen vorhandenen, teilweise Jahrzehnte alten IR bzw. IRR erlauben für die Malerfamilie der Vivarini bislang nur sehr eingeschränkte Aussagen zu diesen Fragekomplexen. Erst die Neuaufnahme von Werken mit hoch auflösenden, kontrastreichen und ganze Bildtafeln abdeckenden IRR bietet hier eine Perspektive. Das  Projekt soll diese Lücke schließen. Mit der IRR von rund 15, meist mehrteiligen Werken soll ein neuer Zugang ermöglicht werden, wie er für andere Venezianer, insbesondere Giovanni Bellini, Carlo Crivelli und Cima da Conegliano seit gut einem Jahrzehnt offen steht. Die umfangreichen Vorarbeiten ermöglichten eine Werkauswahl, die spezifischen, vor dem Horizont der venezianischen Malerei des 15. Jahrhunderts entwickelten Fragestellungen entspricht.

    Ein zweites Desiderat bilden vertiefende Analysen einzelner Werke. Im Rahmen des Projekts soll in der Breite der Auswahl über die bislang diskutierten Werke hinausgegangen werden, um stärker auch die Bandbreite bezüglich der Techniken, Gattungen und der Bildlösungen herauszuarbeiten. Dabei sollen die Analysen der Unterzeichnungen mit einbezogen werden, um vor dem Hintergrund der Werkgenese zu einem umfassenderen Verständnis spezifischer Bildkonzepte und deren Entstehung zu gelangen.

    Damit soll sich auch ein kritischer Blick auf die Infrarotreflektographie als bildgebendem Verfahren verbinden: Werden (wieder) neue Paradigmen in der Kunstgeschichte wirksam, wenn der Blick auf die Bilder immer öfter unter deren Oberfläche geht?


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