Durchgang.

Commercial Strip/Entertainment zones

Zu diskutieren ist auch, wie sich malls und Raummodelle wie der commercial strip und die ihn säumenden Architektur zueinander verhalten. strips sind prototypische Zonen des aus der flüchtigen Durchgangsbewegung heraus befriedigten Konsums (drive-in shopping). Passage und mall hingegen stellen aus dem urbanen Pattern ausgegliederte, überdachte Sonderzonen für Flânerie oder Shoppingtour dar. Der commercial strip nun aktualisiert die tradierte Verzahnung von Durchgangsverkehr unter freiem Himmel und geschützten Kommerzzonen oder -nischen. Relevant ist dieses Update, weil es im Falle des commercial strip auf der neuartigen Rolle von gesteigerter Automobilisierung beruht. Verbunden ist sie mit dem schnellen Wachstum neuweltlicher Städte und vor allem der fortschreitenden Suburbanisierung. Eine Untersuchung dieser azentrischen kommerziellen Zonen Amerikas scheint vielversprechender als etwa die des alteuropäischen Boulevards Pariser Prägung. Letzterer blieb trotz seiner Funktion in Stadterweiterungskampagnen sowie seiner tangentialen oder zirkulären Struktur letztlich zentrisch, auf die Kernstadt- oder zumindest -zone orientiert. Ist es überzeugend, das amerikanische Modell des automobilisierten, mit ‚Fahrgastzellen‘ bevölkerten strip im Gegensatz dazu als liberal-individualistisch geprägt zu sehen? Wie stark wirken hier, bei der von Kraftwagen befahrenen, neuweltlichen Geschäftszone, überhaupt entsprechende amerikanische Eigentraditionen?

Im Projekt sind mögliche Faktoren dafür zu benennen, dass diese Fragen immer noch nicht abschließend beantwortet sind. Verantwortlich ist dafür sicherlich die Verbindung des ‚ordinären‘ Typus commercial strip mit der schon früh und immer wieder kritisierten urbanen Streuung. Hinzu tritt seine als marktschreierisch und vulgär gebrandmarkte Architektur. Am häufigsten treffen entsprechende Kritiken die Kommerz- und Gebrauchsarchitektur, die den Stadtraum von Los Angeles kennzeichnet. Zeitgleich mit dem Einzug des Automobils entstanden hier in den 1920er Jahren erste kommerzielle Zonen (Miracle Mile) mit auf beschleunigte Bewegung orientierter Architektur. So integrierte die dynamische Architektursprache des streamline moderne der 1930er Jahre Erfahrungen von Geschwindigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Rahmen eines urbanistischen Wachstumsschubs, brach diese Tendenz in opulenterer Form erneut hervor. Für diese Phase optimistischer Prosperität und gesteigerten Konsumverhaltens der sich verbreiternden Mittelschicht steht die auf breiter Front erfolgreiche Googie-Architektur. In der häufig geschwungenen Linie, gefalteten Struktur oder geometrisch-kantigen Form ihrer Dächer griff sie die Bewegung der Straße auf. Auch die parabolisch auf die Verkehrszone geöffneten Räume der urbanen ‚Oasen‘ wie diners, coffee shops und Tankstellen fingen sie offensiv ein.

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Kann man dieser Architektur in Analogie zum fast-food-Produkt hamburger zu Recht einen Assemblage-Charakter zusprechen, der unterschiedliche Sinne ansprechen sollte? Welche Bezüge unterhält sie zudem zu medialen Formaten wie Cartoon, Film – gerade in LA omnipräsent – und Musikvideo? Welche Analogien bestehen zu Phantasiewelten wie Disneyland (Anaheim, CA) mit ihren futuristischen wie mobilitätsfixierten, nebeneinanderstehenden Themenwelten?

Kategorial nicht weit entfernt vom suburbanen commercial strip der automobilen Millionenmetropole als auch von eklektizistischen Freizeitparks sind (sub-)urban entertainment zones wie der Las Vegas Strip. Mit allen aufmerksamkeitsökonomischen Mitteln konzentrieren sie am Straßenrand konkurrierende kommerziell-touristische Attraktionen (Glücksspiel, Entertainment-Shows, Resorts, Shopping etc.). Zudem versuchen sie transitorischen Raum konsequent zu einer Art Wahrnehmungstunnel zu schließen. Kann man sie daher nicht nur als extreme Synthese von Kommerzzeile und theme parc, sondern vielleicht sogar als outdoor-Varianten von malls beschreiben? Der Las Vegas Strip spiegelt zugleich, pars pro toto, Merkmale der durch ihn repräsentierten Stadt: Las Vegas selbst entstand nach 1900 bezeichnender Weise als reiner Haltepunkt (vor allem der Eisenbahn) im transitorischen Niemandsland. Heute fliegen Touristen aus dem globalen Raum gezielt für Kurzaufenthalte der Zerstreuung, Enthemmung und Erholung in diese moderne Oase in der neuweltlichen Wüste ein. Die Zugverbindungen sind eingestellt, in der Stadt selbst dominiert Autoverkehr. Auch hier sollte das automobile die Effekte der Suburbanisierung der Nachkriegszeit durch eine buchstäbliche ‚Erfahrung‘ des Stadtbildes (mehr als des Stadtraumes) auffangen, ja sogar zelebrieren.

Darzustellen ist, wie auch diese Verflüssigung mit amerikanischen Identitätsmythen aufgeladen ist: In der transitorischen Sonderzone des Strip, Teil des Las Vegas Boulevard, etwa nimmt das organisierte Versprechen von Aufstieg und sozialer Mobilität Gestalt an – hier allerdings als anstrengungslose, durch Glücksspiel realisierte Variante. Lässt sich daraus schließen, dass hier eine nationale politische Vision (‚pursuit of happiness‘) bewusst zur (ästhetischen) Illusion wird? Wie verhalten sich Bewegung, (Zer)Streuung und Einheit der Stadt zueinander?

Autoren der 1960er und 70er Jahre hatten beobachtet, dass am Strip Zeichen (signs) die klassische Architektur aufsaugen bzw. durch konsequente Oberflächigkeit aushöhlen. Ausführlicher als in bisherigen, rekonstruierenden Studien wäre zu eruieren, ob in dem Schlauch des Las Vegas Boulevard auch aktuell immer noch Zeichenwelten dominieren. Ein durch Begehungen und Recherchen vor Ort noch zu validierender Eindruck ist, dass sich hier seit einiger Zeit eine reale ‚Rückkehr des Raumes‘ konstatieren lässt, parallel zum sog. spatial turn. Die am Strip aufgereihten Casino-bzw. Hotelkomplexe mit ihren Entertainmentwelten und Shoppingzonen funktionieren auf den ersten Blick immer noch als zeichenhafte icons und eyecatcher. Auch blenden sie Abziehbilder prominenter Orte und Monumente aus dem nationalen wie internationalem Raum in Form einer compactage zusammen, narrativieren bzw. eventisieren diese zudem konsequenter denn je. Zusätzlich sind die entsprechenden phantasmagorischen Skripte perfektioniert worden – häufig übrigens mit dem Anspruch der Familientauglichkeit; macht heute doch das ehemalige Nebengeschäft des Waren- und Entertainmentkonsums den Hauptumsatz aus! Aber zugleich geht ein signifikanter Aufstieg der Flânerie damit einher. Wird hier also die Abkehr vom klassisch Monumentalen zugunsten eines radikal Transitorischen wieder rückgängig gemacht?

Emphatische Interpreten der frühen 1970er Jahre hatten ja zugleich auch Bezüge zu historischen Raumformen hergestellt. Inwieweit können diese Verweise heute noch Beschreibungskraft entfalten? Dabei wäre nicht nur der Wandel von Raumstrukturen, sondern auch der Zeichensysteme selbst zu erfassen. Zeugnis ablegen von den semiotischen Häutungen paradigmatisch transitorischer Räumen wie dem Strip können ‚Archive‘ der kommerziellen Zeichenwelten wie das Las Vegas Neon Museum. Hypothese kann bei ihrer Sichtung sein, dass der Strip Transitorik nicht nur in seine Raumstruktur, sondern auch seine eigene temporale Verfassung inkorporiert, mit immer kürzeren Halbwertzeiten. Wäre der Strip insofern in toto metaphorisch als filmisch zu beschreiben?

In diese Richtung weist eine reiche konkrete mediale Rezeptions-, ja Überhöhungsgeschichte. Was wären, gerade im Vergleich zur ‚protofilmischen‘ Eisenbahnreise, die Spezifika dieser Medialisierung eines primär automobilen Raumes? Wie wird die bereits selbst geschichtsträchtige Allianz von Film und Bewegung heute in der Mojave-Wüste weitergeschrieben und thematisch angereichert? Welche Rolle spielt auch hierbei, sowohl hinsichtlich des Stadtraumes sowie der ihm korrespondierenden Medialität, amerikanische Nationalikonographie oder -mythologie: Pioniermythen, Transitorik als ‚uramerikanischer‘ Modus, Western(stadt)klischees, Hollywood selbst als Mythos etc.?


Fünf Stationen der Forschung

(Kopf-)Bahnhof
Passage / Mall
Commercial Strip / Entertainment zones
Immigration Station / Räume für Geflüchtete
Flughafen