Durchgang.

Immigration Station/Räume für Geflüchtete

In Las Vegas, dieser ‚Oase‘ inmitten der Wüste Nevadas, sind alle Zeichen programmatisch auf Aktualität und Geschichtslosigkeit gestellt. Andere transitorische Räume mit dem Zeug zum Mythos sind inzwischen weitgehend musealisiert. Mustergültig kann das an Ellis Island aufzeigt werde, dem obligatorischen Durchgangsportal zu Amerika als dem land of promise. (Eine Modellversion dieser Empfangsstation ist Teil des New York Hotels von 1997 in Las Vegas.) Auf der Quarantäneinsel im Hudson River allerdings dominierte bis zur Schließung 1924 trotz hoher Anerkennungsquoten nicht Entspannung, sondern Stress der Ungewissheit. Die darauf reagierenden Erzählungen des heutigen Museums sind bereits anhand der Ausstellungsstruktur (Mastermetapher dabei: Mosaik; Moreno 2003) kritisch rekonstruiert worden. Stärker aber wäre auf das bauliche Erbe in seiner ursprünglichen Gestalt, aber auch auf die Strategien seiner Revitalisierung und die dabei verbindlichen Schwerpunkte zu schauen.

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Die historische Architektur selbst nutzt vertraute Muster – ungehinderten – Transits: In der ursprünglichen Schicht von 1900 dominieren etwa Übernahmen aus der Bahnhofsarchitektur. Zwar sollte die Architektur nach dem Wunsch der Bauadministration einen ‚amerikanischen‘ federal style mit begründen helfen. Aber typlogisch wie stilistisch lehnt sie sich eigentlich eher eng an Muster europäischer Provenienz (beaux-arts) an. Aufzuzeigen wären durch genauere Vergleiche auch Bezüge zu weiteren Elementen aus diesem Repertoire repräsentativer Großbauten wie römischen Thermen (körper- wie imperialpolitisch konnotiert) oder neuzeitlichen Museumsbauten. Vermutlich lassen sich mit Blick auf die Quarantänetrakte auch Muster der rationalistischen Hospitalarchitektur mit ihrem hygienistischen Funktionalismus erkennen. Wie verhält sich dazu wiederum die starke Sakralanmutung vor allem der registry hall, heute Kernstück des nationalen Erinnerungsortes (1990: Eröffnung des Ellis Island Immigration Museums)?

Wie bewusst geplant war etwa die Blickführung der in dieser great hall Ankommenden, Bittsteller wie zukünftige Ressource der wachsenden Nation zugleich? Sollte die die für viele Immigranten entscheidende Ambivalenz der ‚island of hope, island of tears‘ hier also ganz bewusst dramaturgisiert werden? Wie werden auf der Insel überhaupt Schwellenrituale, die stets Trennungs- und Anknüpfungsanteile enthalten, verräumlicht? Lässt sich ihnen nicht nur eine Inszenierung des in den USA starken Sakralbezugs des Politischen sehen, sondern auch eine rituelle Legitimierung von ‚Bio-Macht‘? Ist es vertretbar, Ellis Island als Erinnerungsort zu interpretieren, an dem ein individuelles wie kollektives Geburtstrauma bzw. -erlebnis reinszeniert wird? Bestehen hier bisher nicht beachtete Bezüge zu einer anderen Insel im Großraum New York, die als heterotopischer Umkehrspiegel Manhattans fungierte: der Vergnügungsoase Coney Island, die die in der Stadt geltenden Regeln seit eh und je auf den Kopf stellt? In William H. Reynolds programmatisch benanntem Dreamland (1904) wurde ja ebenfalls das für die amerikanische Nationalmythologie zentrale Thema Geburt besonders inszeniert.

Aber anders als das deviante, lange verfallende Coney Island ist das Gateway Ellis Island als Erinnerungsort kanonisiert. Welche erinnerungspolitisch motivierten Entscheidungen haben die Abfolge und Dramaturgien der Restaurierung des Ensembles bestimmt? Systematisch klärend wirken können hier vergleichende Bezüge zu einer weiteren Insel auf der anderen Seite des Kontinents: Angel Island in der San Francisco Bay. Es ist die zweite prominente, allerdings sogar noch weniger beforschte, unter den 24 historischen Immigrationsstationen am Rande des amerikanischen Nationalterritoriums. In der Zeit ihrer Funktion (1910-40) wurden über eine halbe Million Menschen über die Insel geschleust. Angel Island sollte primär Migration aus dem ost- und südostasiatischen Raum kanalisieren, vor allem Zuwanderung aus China (70%). Im Vergleich zu Ellis Island (2-3%) war die Rückweisungsquote (18%) viel höher. Ist so eine zu Ellis Island analoge Etikettierung als gateway oder stepping-stone überhaupt zu vertreten? Die Station wurde neben (süd-)ostasiatischen u.a. auch von russischen, indischen, lateinamerikanischen (mexikanischen) sowie europäischen Migranten durchlaufen. Eine analytische wie auch moralische Diskriminierung der Subjekte je nach nationalem bzw. ethnischem (‚racial‘) Status war dabei an der Tagesordnung.

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Hinzu trat eine weitere Ungleichbehandlung nach sozialen, geschlechtlichen oder ‚moralischen‘ Kriterien. Vermutlich war Angel Island wegen dieser Praktiken weniger bruchlos und zügig in eine nationale Erfolgs- und Integrationsgeschichte einzufügen als Ellis Island. An der Westküste lagen die Etappen der Anerkennung viel weiter auseinander als dort (markante Daten sind 1979, 1997 und 1999). Nicht nur im historischen, sondern auch im medialen Vergleich dürfte relevant werden, dass überhaupt das Hauptfeature in Angel Island nicht die Architektur (Baracken und rekonstruiertes detention-Gebäude) ist. Prominenter scheinen hier vor allem die auf die Wände geschriebenen und mittlerweile restaurierten Poeme der Insassen. Sie machen als buchstäbliche writing on the walls das Bauliche zum Träger von Erinnerungen und Schicksalsspuren, die von nicht Diskursmächtigen stammen. Welche Rückschlüsse lassen sich von hier aus wiederum auf Ellis Island ziehen?

Diese historischen Nadelöhre repräsentieren die Immigrationsnation USA, die im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts paradigmenbildend war. Als weiterer, aktueller Bezug bieten sich die Orte und Praktiken der zurzeit stark von Fluchtbewegungen angesteuerten EU an, vor allem des bevorzugten Ziellands Deutschland. Es liegen bisher kaum architekturhistorische oder -theoretische Studien zu Architekturen für Geflüchtete in der BRD vor. Dass diese institutionell wie phänomenal sehr vielgestaltig sind, korrespondiert Problemen der adäquaten Begriffsbildung. Besonderes Augenmerk ist daher auf die Ambivalenzen und Spannungen zu legen, die diese Räume kennzeichnen.

Wie sind bei diesen Durchgangs- und/oder ‚Endstationen‘ transnationaler Migration mikro- und makroräumlich Grenzüberschreitung und die Aufrichtung von vielfach gestaffelten Barrieren verzahnt? Wie verhält sich die Realität von tausendfach begangenen Transitrouten zur Rede von Übergänge kontrollierenden Transitzonen? Wie spielen Lokalisierung durch Aufenthaltszwang in halboffenen Sonderzonen und topologische bzw. rechtliche Entortung zusammen? Ist der historisch wie typologisch aufgeladene Terminus Lager angemessen, um das Wechselspiel von partieller Ex- und perspektivischer Inklusion in Wohnheimen oder Massenunterkünften zu erfassen? Kann man hier räumlich wie performativ verfasste Ein- und Ausgliederungsrituale beobachten? Lässt sich deren Präsenz also wirklich noch anthropologisch ergründen? Oder muss man auch das aus der Perspektive einer zeitkritischen Kulturwissenschaft, etwa mit dem Paradigma des third space, dekonstruieren? Parallel ist zu diskutieren, wie bei diesen ‚grauen Architekturen‘ visuelle, diskursive und disziplinäre Politiken der Sichtbar- und Unsichtbarmachung verzahnt sind.


Fünf Stationen der Forschung

(Kopf-)Bahnhof
Passage / Mall
Commercial Strip / Entertainment zones
Immigration Station / Räume für Geflüchtete
Flughafen