Durchgang.

Methodik/Forschungsdesign

Eine Rekonstruktion der gesellschaftlichen Konzepte von Transitorik sowie ihrer konkreten Verräumlichung muss sich auf die Selbstbeschreibungen von Gesellschaften einlassen, die sich primär als durch Mobilität gekennzeichnet entwerfen. Zugleich aber muss sie deren Rhetoriken und Mythen kritisch dechiffrieren. Klassische architekturhistorische Lesarten und kulturwissenschaftliche Reflexionen sind dafür zusammenzuführen. Mit zu bedenken sind auch diverse soziokulturelle Aneignungsweisen transitorischer Räume: Eisenbahnreisen, Flânerie, Shopping, aber auch automobile Bewegung, globaler Flugtourismus und grenzübergreifende Migration bzw. Flucht. Desgleichen sollen widerständige bzw. spielerische Durchkreuzungen ‚rationaler‘ Planung transitorischer Räume sowie ihrer kommerziellen Nutzung Teil des geplanten Tableaus sein. In den Fokus kommen darüber auch Stockungen, Verwerfungen und Risse im nur vermeintlich universellen Flow moderner Transitprozesse.

Daraus folgt eine zentrale methodische Prämisse des Projekts: Modernisierung wie Globalisierung sind nicht als homogenisierende, egalisierende Prozesse und schon gar nicht als monolithische Phänomene zu verstehen. Eher müssen sie als häufig hierarchisch operierende Transformationen gelten, konstituieren sie doch asymmetrische Weltverhältnisse. Gemeint sind etwa lange anhaltende Zentrum-Peripherie-Gefälle, selbst wenn deren Rekonfiguration wiederum Teil der angestoßenen Prozesse werden kann. Zwar beschränkt sich auch die geplante Untersuchung pragmatisch zum größeren Teil auf exemplarische transitorische Orte in der ‚westlichen Welt‘. Das ist aber gerade nicht als Reproduktion eines im weiten Sinne verstandenen Eurozentrismus und seiner Modernekonzeption miss zu verstehen. Vielmehr will das Vorhaben umgekehrt einen Beitrag zu einer verstärkt kritischen Selbstreflexion derjenigen Zone leisten, von der wesentliche Impulse zur weltweiten ‚Mobilmachung‘ ausgingen.

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Nur wo dies in den Räumen selbst schon angelegt ist, wird der analytische Rahmen auf die globale Welt geweitet. Das gilt etwa für die als international hubs verfassten Architekturen von großen Airports. Sind sie doch ein zentraler Standortfaktor, wenn Metropolen oder Megalopolen als global cities wahrgenommen werden wollen. Das betrifft aber auch die Nadelöhre der Migration wie historische immigration stations. Ihre Funktion war es etwa, transkontinentale Migration in das klassische Einwanderungsland des 19. Jahrhunderts, die USA, zu kontrollieren. Analoges kennzeichnet die Räume, die aktuell zur Erfassung, Untersuchung, Beherbergung und eventuellen Weiterleitung von Flüchtlingen/Asylbewerbern in Europa/Deutschland zur Verfügung gestellt werden. Diese auf lokaler Ebene angesiedelten Aufnahmeräume können nur mit Blick auf die aktuell gesteigerten globalen Migrations- und Transitprozesse mit ihrer grenzüberschreitenden Dynamik studiert werden. Mit zu diskutieren ist dabei also auch, ob bzw. wie genau dadurch etablierte Raumkonzepte herausgefordert werden – etwa dasjenige eines abgeschlossenen westlichen/europäischen Raumes.

Die in transitorischen Räumen sichtbar werdenden Verwandlungsprozesse sind keinesfalls beendet. Heißt das für das Forschungsdesign, dass Epochenschwellen hinfällig sind? Die multiperspektivische Globalgeschichte betont ja, dass die Geltung von derartigen Zäsuren in ihrer räumlichen und sektoriellen Reichweite (politisch, ökonomisch, medienhistorisch etc.) differenziert betrachtet werden muss. Diese Einsicht greift das Projekt auf: Die Persistenz bzw. Modifikation älterer Raum- und Performanzmuster, etwa sakraler oder ritueller Art, bezieht es explizit mit in die Betrachtung ein.

Zugleich hält es aber die Grundthese aufrecht, dass am unteren Ende des 19. Jahrhunderts eine schwellenartige Kulmination immenser Umbrüche stattfand: Seit Jahrhundertbeginn beschleunigte sich die industrielle Dynamik in der Zirkulation von Kapital, Waren und Personen. Die auf dieser Bewegung aufruhende Schwelle bleibt auch dann sehr markant, wenn man schon die Räume der Frühen Neuzeit als stark durch Mobilität bestimmt anerkennt. Aber trotz der Dynamik der damit verbundenen Aushandlungs- und Stabilisierungsleistungen – diese höfische-repräsentative Öffentlichkeit herstellende Bewegung war grundsätzlich regelhaft gebunden und fest normiert. Daran kommen auch neuere Studien zur konstitutiven Rolle von Zeremoniell für die Modernisierung herrschaftlicher bzw. eben entstehender nationalstaatlicher Kommunikation und Legitimation nicht vorbei. Auch sie operieren zwangsläufig mit Zäsuren, etwa dem abrupten Aufkommen einer neuartigen dynamischen Massengesellschaft. Deshalb schaut auch das Projekt nur bis an den unteren Rand des 19.Jahrhunderts zurück.