Durchgang.

Fünf forschungsleitende Thesen

Ausgangspunkte für das konkrete Arbeitsprogramm sind fünf Beobachtungen:

  1. Die Erfahrung von Durch- und Übergängen ist konstitutiv für die westlichen Gesellschaften ab der industriellen Moderne. Die zentrale Rolle von Aufbruch und Mobilität wird seitdem immer wieder als gleichsam gesamtgesellschaftliche Mobilmachung erfahren und beschrieben.
  2. Den dadurch ausgelösten realen oder wahrgenommenen Transformationen korrespondieren neue Raumformen und -konzepte. Als ihre markantesten Exponenten gelten seit Beginn des 19. Jahrhunderts konstruktiv bestimmte Bauten. Im Gegenzug werden klassische Bestimmungen von Architektur als Baukunst dadurch herausgefordert. Primär geboten scheint es nun den zentralen Akteuren und Diskursmächtigen, leichte, zeitgemäße Hüllen für soziale, kommerzielle und technische Prozesse zu entwerfen.
  3. Trotz der Gegenwehr des auf Tradition bauenden, Geschichte zitierenden Historismus beginnen akademische Konzepte zu erodieren. Zwar gibt es bemerkenswerte theoretische wie baupraktische Vermittlungsversuche zwischen herkömmlicher Monumentalität und den Ansprüchen einer ‚neuen‘, buchstäblich bewegten Zeit. Grundsätzlich entsteht aber ein gesteigerter Begründungsbedarf für die Wahl eher statisch-geschlossener Konzepte.
  4. Im Umkehrschluss folgt draus: Zentral für die diskursive wie symbolische Selbstbeschreibungen der industriellen Gesellschaft sind nun nicht nur emphatisch besetzte Parameter wie permanente Bewegung, gesteigerte Zirkulation, ja vor allem unbeirrbarer ‚Fortschritt‘ als ‚Durchgang‘ zur (besseren) Zukunft; vielmehr sind die sie verkörpernden, als innovativ geltenden Raumkonzepte ebenso entscheidend. Im Grunde gilt das auch noch für die postindustrielle und -geschichtliche Dienstleistungs- und Netzwerkgesellschaft des sog. Westens – sie ist nur scheinbar unräumlich verfasst. Nichts erweist das deutlicher als die brandaktuelle Diskussion um die Offenheit oder Abschließung ihrer Außenränder.
  5. Transitorische Orte der Moderne waren programmatisch eigentlich für Massengesellschaften, seltener für exklusive Nutzerkreise geschaffen. Prinzipiell konstituieren sie sich dennoch immer auch durch partielle soziale Ausschlüsse. Auch das ist ein Faktor, der gerade wieder in den Debatten um den grundsätzlich restringierten Zugang zur Zone westlicher/europäischer Ländern bestimmend ist.